
Mythen begegnen uns seit der frühesten Antike in unterschiedlicher Form: als sinnstiftende Begründung kultureller Handlungen, Legitimation religiöser Praxis oder Erklärung von Naturerscheinungen. Eine Gesamtgeschichte des Mythos gibt es nicht, sondern nur diverse Mythen-Begriffe der Einzelwissenschaften, die ihre je eigene Vergangenheit haben.
Ein problematischer, aber leider einflussreicher Versuch, den Mythos in die Philosophiegeschichte zu integrieren, geht auf den Philologen Wilhelm Nestle zurück. Mit seinem griffigen Diktum „Vom Mythos zum Logos” beschreibt er die Philosophie der Vorsokratiker als ein Phänomen, das den Methoden der mythischen Vorläufer den Rücken kehrt. „Vom Mythos zum Logos geht der Weg der Griechen, d. h. von der Unmündigkeit zur Mündigkeit des Geistes” (Nestle 1940, S. 6). Gerade diese letzten beiden Begriffe zeigen, dass Nestle das Potenzial des Mythos zutiefst verkennt und dessen philosophische Bedeutung missversteht.
Innerhalb der antiken Philosophie selbst ist die Haltung gegenüber dem Mythos ambivalent. Oft fasst man ihn – so unter anderem Platon in dem zweiten und dritten Buch seiner Politeia – als Gegensatz zur Philosophie auf. Andererseits begegnet er uns direkt daneben in denselben Büchern der Politeia, in konstruktiver Rolle. Dort erzählt Platons Sokrates den Mythos vom Ring des Gyges, um sich gegen die sophistische These von den Vorzügen der Ungerechtigkeit zu wenden (359d–360b). Auch in anderen Schriften wie im Timaios, in den Nomoi, im Phaidon, im Phaidros, im Symposion, im Politikos und im Menon baut Platon Mythen als wichtige Bestandteile seiner Dialoge ein.
Wie steht es nun um das Verhältnis von Mythos und Philosophie? Was sind überhaupt Mythen in Platons Dialogen, und wie unterscheiden sie sich von anderen seiner Methoden? Hat der Mythos auch Einzug in unsere gegenwärtige Philosophie erhalten? In dem Seminar wollen wir unter anderem diesen Fragen auf den Grund gehen. Zuerst widmen wir uns den fundamentalen Fragen zum philosophischen Mythenbegriff im Allgemeinen und zum dialogübergreifenden Problemfeld des Mythos bei Platon im Besonderen. Im Anschluss werden wir einzelne Mythen genauer ins Auge fassen und deren Verhältnis zur Dialogform und Argumenten untersuchen.
Alle Texte, auf deren Basis die Diskussion stattfinden soll, sowie etwas Literatur zur Einstimmung werden über Moodle zur Verfügung gestellt. Da sie zum Teil in englischer Sprache verfasst wurden, ist die Bereitschaft zur Lektüre englischsprachiger Texte für die Teilnahme am Kurs unerlässlich und wird dementsprechend vorausgesetzt.
Dienstag
Zeit: 12.00 - 14.00 Uhr
Ort: Gebäude B3 1 - Seminarraum 1.15
- DozentIn: Maximilian Klein